Mittwoch, 9. Juli 2014

Dr. Sabine Schulte, Denkmalfachlicher Beitrag des Landesdenkmalamtes


Dr. Sabine Schulte

Wettbewerb Innenraum St. Hedwigs-Kathedrale

Denkmalfachlicher Beitrag des Landesdenkmalamtes vom 14.08.2013


Zur Baugeschichte des Denkmals:

Der 1747 - 73 nach Angaben König Friedrichs des Großen und Plänen Georg Wenzelslaus v. Knobelsdorff durch Johann Boumann am Forum Fridericianum ausgeführte Zentralbau der St.Hedwigs-Kirche hat als erste römisch-katholische Kirche Berlins und als Kathedrale des Erzbistums Berlin hohe geschichtliche, künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Bedeutung. Der in Anlehnung an das römische Pantheon gestaltete Bau sollte die liberale Religionspolitik des Königs demonstrieren. Die nach dem Zweiten Schlesischen Krieg, 1744 - 45, beabsichtigte Anbindung des katholischen Schlesiens an Preußen kommt in der Wahl der Schutzpatronin Schlesiens, der HI. Hedwig, zum Ausdruck.

Die St. Hedwigs-Kathedrale wurde 1943 bis auf die Außenmauern zerstört. In den Jahren 1953 - 57 folgte ein formal vereinfachender Wiederaufbau in mehreren Etappen, zunächst die Wiedererrichtung der Hauptkuppel in Stahlbetonfertigteilen mit veränderter Umrisslinie und ohne Laterne über der Scheitelöffnung von Felix Hinssen, Herbert David, Prof. Herbert Erbs und Theodor Blümel. 1956 - 63 entstand die Neugestaltung des Innenraums durch Prof. Hans Schwippert, einem Schüler von Rudolf Schwarz: Umgestaltung der Krypta zur Unterkirche, zentrale Öffnung zur Unterkirche (8 Meter im Durchmesser), Anlage einer Freitreppe, Altar von Ober- und Unterkirche in einem hohen Granitblock zusammengefasst, kreisförmige, an die Bodenöffnung angrenzende Altarinsel in der Oberkirche. 1976 - 78 wurde eine neue Orgel eingebaut (Fa. Klais, Bonn) und die Akustik verbessert. Architekten waren Hans Schädel und Hermann Jünemann.

Zur Denkmalbedeutung des Innenraums:

Der innere Ausbau von St. Hedwig gehört zu den bedeutenden Leistungen kirchlichen Wiederaufbaus nach 1945. Die Gestalt und die weitgehend erhaltene Ausstattung der Zeit um 1960 (Raumfassung, Fensterverglasung, Ausstattung der Unterkirche, Beleuchtungskörper, Wand- und Ewig-Licht- Leuchter u.a.) sind ohne Parallele. Der Wiederaufbau ist vor allem hinsichtlich des Innenausbaus von hoher liturgie- und zeitgeschichtlicher Bedeutung. Als Kathedrale und Bischofssitz in Ost-Berlin zur Zeit der deutschen Teilung symbolisiert St. Hedwig die Einheit der katholischen Kirche als eine innerdeutsche Klammer. Die außergewöhnliche Raumkonzeption von Adenauers Architekt Prof. Hans Schwippert (1899-1973) aus Düsseldorf - die einzige moderne Kirchenraumschöpfung einer kriegszerstörten Bischofskirche in Deutschland nach dem Krieg - transportiert gleich mehrere Bedeutungsebenen. Die Symbolkraft, die in der Öffnung des Raumes zur Krypta und in dem vertikalen Aufbau des Altars auf dem Fundament des Altars der Unterkirche liegt, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Krypta fungiert als Unterkirche mit Taufkirche, Beichtstühlen, Grablege der Bischöfe und dient zugleich dem Gedenken an die katholischen Märtyrer Berlins in der NS-Zeit. Der durch die Öffnung ermöglichte Verweis auf dieses Fundament der Kirche erhält unter den politischen Bedingungen der Entstehungszeit und im Denkmalkontext des von der DDR / SED neuinterpretierten und umbenannten Bebelplatzes einen einzigartigen Zeugniswert.

Die herausgehobene Leistung Hans Schwipperts ist die Neudefinition des ursprünglichen Rundbaugedankens der Kirche, der ihren Grundcharakter ausmacht. Dieses architektonische Wesensmerkmal des Baus aufgreifend und konsequent auf den neuen Kirchengrundriss und alle Ordnungselemente anwendend, gelingt ihm in der Rückbesinnung auf den zentrierenden impetus und durch die Schaffung einer neuen architektonischen Dimension eine einmalige Weiterentwicklung und atemberaubend moderne, expressive Neuschöpfung des Innenraums von außerordentlichem künstlerischen Wert. Schutzwürdig ist die Nachkriegsfassung des Innenraums als ein raumkünstlerisches Gesamtkunstwerk mit eleganten und symbolkräftigen Details und als gebautes liturgisches Konzept, das eine vorausschauende programmatische Neudefinition des Kirchenraums darstellt, die bereits 1963 die Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 - 65) umsetzt! Grundintention war eine stärkere Beteiligung der Gemeinde und die Zelebration zur Gemeinde („versus populum“).

Die vielschichtige Raumschöpfung von St. Hedwig ist das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung des Architekten mit dem Baukörper, den Anforderungen der Bischofskirche im Dialog mit drei Bischöfen, jedem Detail der Innenausstattung und besonders der Beleuchtung des Gesamtraums (s.u. Literatur zum Thema, Hans Schwippert). Es handelt sich um ein fein austariertes Gebilde, dessen Rückgrat die Vertikale als richtungsweisende, den Zentralraumgedanken manifestierende Achse ist, auf die sich die raumbildenden Elemente beziehen. Zu diesen bedeutungsvollen und erhaltenswerten Elementen gehört der Kunstgriff der Integration des Untergeschosses der Rotunde, der Krypta, in den Hauptkirchenraum und die Schaffung einer Doppelkirche durch eine zentrale Öffnung des Kirchenbodens in Form eines Dreipasses mit ausschwingender Treppenanlage. Sie erschließt die untere Ebene mit kranzförmig angeordneten Grabkammern, die durch Bodenabsenkung Kapellencharakter erhielten. So wurde nicht nur eine neue architektonische Dimension eingeführt, sondern auch eine neue seelsorgerische und liturgische Nutzungsdimension gleichsam „eröffnet". Die durch die Öffnung geschaffene Vertikale wird ausgestaltet durch einen durchgehenden Altarstipes, der die Unterkirche mit dem Hauptraum verklammert bis hin zu der kunstvollen Ausstattung, dem Tabernakel auf dem Sakramentsaltar in der Unterkirche und dem Altarkreuz auf dem Hochaltar. Kongenial die Vertikale durchdringend und für Geschlossenheit sorgend ist das Kreismotiv, das sich in der Bodenöffnung, im Kuppelscheitel, in der Altarinsel bis hin zu den radial verlegten Marmorplatten des Bodens findet. Eine ursprünglich konzentrische Anordnung der Kirchenbänke rundete diese zentralisierende Ordnung ab.

Durch die stringente Formgebung und eine reduzierte Farbigkeit erhält der Innenraum von St. Hedwig seine starke Konzentration und Ausdruckskraft. Die Tektonik wird unterstützt durch eine fein abgestimmte Farbigkeit (hellgrün, weiß, gold, schwarz / grau) und das Zusammenspiel von geschaffenen Oberflächenstrukturen (helle, glatt stuckierte Säulen vor schachbrettgemusterter Putzwand) und Oberflächenqualitäten, welche die verarbeiteten erlesenen Materialien mitbringen wie z.B. der Kapfenberger Marmor oder die Kristallglas-Lamellen mit Bronzeeinfassung (von Fritz Kühn). Neben der Raumfassung ist die weitgehend erhaltene Ausstattung der Zeit um 1960 schutzwürdig wie die Fensterverglasungen, die Möblierung und die Ausstattung der Unterkirche. Alle Details (Altar, Kathedra, Gestühl, Sedilien, Lesepult) sind ineinanderfließende Teile eines kraftvollen Raumgebildes. Die Synthese aus sinnlich begreifbarer Materialität und mutig zu Ende gedachter Formgebung trägt vielschichtige Sinngehalte in sich: geschichtliche (geistes-, zeit-, liturgie-, architekturgeschichtliche), aber auch theologische und politische Implikationen.

Denkmalpflegerische Anforderungen:

Der Umgang mit der dargestellten vielschichtigen Raumschöpfung von St. Hedwig erfordert ein hohes Maß an Sensibilität. Das denkmalpflegerische Interesse konzentriert sich neben dem Außenbau auf die bedeutende künstlerische Raumschöpfung des Wiederaufbaus von Hans Schwippert. Dieser Innenraum ist in seiner räumlichen Geometrie mit der zentralen Öffnung und „Inselskulptur" sowie seiner Oberflächengestaltung und Materialität aus denkmalpflegerischer Sicht zwingend unverändert zu erhalten. Aus denkmalpflegerischer Sicht ausgeschlossen sind alle der Wirkungsabsichten dieser künstlerischen Raumschöpfung zuwiderlaufenden Eingriffe. Oberstes Ziel der Denkmalpflege ist die Erhaltung der bauzeitlichen Bausubstanz und der Ausstattung. Die Veränderung einzelner Elemente des Innenraums wird naturgemäß eine Um-Codierung des Denkmals bedeuten. Aus der fachlichen Sicht der Denkmalpflege sind solche Maßnahmen zu vermeiden, die das Gesamtkunstwerk und seine Struktur aus dem Gleichgewicht bringen, indem sie seine Dreidimensionalität, Skulpturalität, seine Proportionen und Maßstäblichkeit missachten.

Anforderungen an zeitgemäße technische Ausstattung und zur Ertüchtigung des Gebäudes hinsichtlich Sicherheit, Brandschutz, Klima, Behindertengerechtigkeit, Beleuchtung, Medientechnik etc. sind denkmalverträglich zu gestalten, müssen die Sprache des Raumkunstwerks achten und dürfen seine Wirkmöglichkeiten nicht einschränken oder bagatellisieren. Insgesamt ist bei einer Instandsetzung des Innenraums eine In-Wert-Setzung des Denkmals zu fördern und zu erzielen. Notwendige Maßnahmen sind so denkmalschonend vorzusehen, dass Eingriffe in die Denkmalsubstanz minimiert werden. Grundsätzlich ist die Reversibilität von nachträglichen Zutaten und Einbauten zu gewährleisten. Altersspuren müssen, insbesondere bei einem so hochkarätigen Kulturdenkmal, erhalten bleiben, damit der Alterswert des Objekts seine Anschauungskraft behält. Ein konservatorisch sensibler Umgang mit den einzelnen Materialien sichert nicht zuletzt die zukünftige Lesbarkeit und damit die Deutungsmöglichkeiten des Denkmals. Es bedarf aller Anstrengungen und größtmöglicher Umsicht, um die architektonische Einheit des Raumkunstwerks zu bewahren und solche Eingriffe zu verhindern, durch die dieses Werk Schaden nehmen, die Aussagen / Bedeutungen des Denkmals verunklärt oder gar unwiederbringlich verloren gehen würden.

Aus denkmalpflegerischer Sicht wünschenswert sind Maßnahmen zur Klärung des Zentralraumgedankens. Das Herausstellen der klaren Entwurfsidee der 1960er Jahre und das Verständlichmachen der Raumkonzeption bedeuten eine Aufwertung der Kirche. Dazu zählt beispielsweise die Rückführung des Gestühls in seine ursprüngliche Anordnung. Zur In-Wert-Setzung des Innenraums ist es wünschenswert, die eingestaubten Wände- und Oberflächen zu reinigen, damit sie ihre Wirkung wieder voll entfalten können. Eine behutsame Überarbeitung der Beleuchtungssituation, die die künstlerisch gestalteten Beleuchtungskörper und ihre intendierte Lichtführung wieder herausarbeitet, ist ebenfalls wünschenswert, da heute zum Beispiel durch den Einsatz falscher Leuchtmittel eine ungünstige Wirkung für die Unterkirche entstanden ist.

Die formale Strahlkraft des Raumes wird heute auch durch ein nachträglich hinzugefügtes Podest für den Chor unterhalb der Orgel eingeschränkt.

(s. auch unter Teil B, 3.2.2. der Auslobung des offenen Realisierungswettbewerbs mit Ideenteil - Neugestaltung des Innenraums und des baulichen Umfeldes
St. Hedwigs-Kathedrale Berlin; Seiten 72 -75,
unter www.wettbewerb-kathedrale.de)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen