Montag, 8. Dezember 2014

Auftrag und Kosten des Umbauplans außer Kontrolle?

"Gesprächsabend mit Informationen und Diskussionen über die Neugestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale" in der Katholischen Akademie zu Berlin vom 31. 10. 2014 



Bemühungen der Gläubigen um Teilhabe an den Entscheidungsprozessen

(entspr. der Forderung des Diözesanrats der Katholiken des Erzbistums Berlin vom 4. 3. 2014)


… durch persönliche Anschreiben an Verantwortliche des Erzbistums?

Der Unmut der Gemeindemitglieder über Verfahren und Ergebnis des unvermittelt vom Erzbistum abgehaltenen Realisierungswettbewerbs zur Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale äußerte sich in vielen persönlichen Anfragen an die Verantwortlichen und Leserbriefen an katholische Zeitungen. Zunächst wurden sorgenvolle Briefe mit allgemeingehaltenen, fast gleichlautenden Antworten bedacht, die einem jeden Schreiber eine abweichende Einzelmeinung attestierten. Die Zukunft und der Zuspruch der Umbaubefürworter würden zeigen, dass die Entscheidungen der Kirchenleitung richtig seien.

… in der Katholischen Wochenzeitung "Tag des Herrn"?

Am 2. 11. 2014 veröffentlichte der "Tag des Herrn" unter dem irreführenden Titel "Sanierung der Kathedrale" die redaktionelle Mitteilung, dass die Zeitung keine Leserbriefe mehr zum Für und Wider des Umbaus erhalten möchte, da die Entscheidung bereits gefallen sei, obwohl der allein entscheidungsbefugte Erzbischof noch fehlt. Erstaunlich, wie Journalisten dieses Blattes dort orakeln, statt zu berichten: "Außerdem steht der Entschluss, wie die Kathedrale aussehen soll, fest und kann nicht mehr geändert werden." Eine sachliche journalistische Recherche beim "Gesprächsabend" mit den Äußerungen der Planer, die selbst noch keine Lösung kennen, hätte diesen Fauxpas verhindern können.

… über den Diözesanrat der Katholiken?

Die Laienvertretung der Katholiken im Erzbistum, der Diözesanrat, ging nicht auf diesbezügliche Sorgen von Anfragern ein, obwohl mit dem Wettbewerbsergebnis und der fehlenden Transparenz des Erzbistums den wichtigen Forderungen widersprochen wurde, die der Rat in einer Pressemitteilung vom 4. 3. 2014 bekanntgegeben hatte. Dem folgte nach der Juryentscheidung und der Fortsetzung der Planungen in der Sedisvakanz keine öffentliche Reaktion, durch die sich gläubige Laien vertreten fühlen könnten.

… in den Gemeinden?

Am 9. November 2014 wurden in den Pfarrgemeinden des Erzbistums Berlin Kollekten "für die Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale" abgehalten, obwohl ein Umbau geplant ist. Weitere Kollekten mit der irreführenden Verwendungsangabe könnten folgen. Online wird für Spenden auf ein Sonderkonto geworben, dass "Sanierung und Umgestaltung" als Zweck angibt. Angesichts dessen ist ein erhöhtes Interesse der Gemeindemitglieder, als potentielle Investoren der geplanten Umbaumaßnahmen zu erwarten. 

… in Gesprächen mit Verantwortlichen des Erzbistums?

Seit Oktober 2014 sind die Anfragen interessierter Katholiken vom Bauherrn kaum noch beantwortet worden. Stattdessen wurden die Absender kritischer Anfragen vom Koordinator des geplanten Umbaus, Dompropst Prälat Rother, zu einem "Gesprächsabend" am 31. Oktober 2014 eingeladen, bei dem die Verfasser des Siegerentwurfs des Realisierungswettbewerbs ihren Entwurf noch einmal vorstellen und mit den Gästen diskutieren würden.

… beim Gesprächsabend vom 31. 10. 2014?

Bei der für drei Stunden angesetzten Veranstaltung wurde der Großteil des Zeitrahmens von ausgedehnten Vorträgen des Künstlers Zogmayer und des Architekten Sichau ausgefüllt. Die Planer stellten ihre Person, ihren beruflichen Werdegang, ihre bisherigen Arbeiten und ihre künstlerischen Anschauungen ausführlich dar, bevor am Ende der bereits bekannte Entwurf erläutert wurde. Beiläufig erfuhren die Zuhörer, dass weitere Planungsleistungen im Auftrag des Erzbistums durchgeführt wurden und dass der prämierte Entwurf nicht in der Form ausgeführt werden kann oder werden soll, wie es im Ergebnis des Wettbewerbs vorgesehen war.

Zur Fortsetzung des Gesprächs auf verschiedenen Ebenen

Da es kaum ein Forum zur Meinungsbildung der zu Spenden aufgerufenen Gemeindemitglieder des Erzbistums gibt, sollten die Erkenntnisse des "Gesprächsabends" nicht nur den Teilnehmern, sondern auch allen interessierten Gläubigen zugänglich sein. Eine entsprechende schriftlich vorgetragene Bitte einer Gläubigen ist vom Pressesprecher Förner, der den Gesprächsabend moderierte und alle Beiträge aufzeichnen ließ, seit dem 10. 11. 2014 ignoriert worden.

Erkenntnisse des Abends werden als Aktennotiz bereitgestellt

Deshalb wird auf dieser Plattform der Entwurf einer Aktennotiz präsentiert, der auf Mitschriften von Teilnehmern der Veranstaltung beruht und gemeinschaftlich verfasst wurde. Die Pressestelle (,der der Entwurf vorab auch in Papierform zur Bestätigung vorlag,) ist um evtl. Korrektur anhand des akustischen Mitschnitts in angemessener Frisst gebeten worden. Da das erbetene Protokoll des Pressesprechers ausblieb, kann nun die unwidersprochene Aktennotiz von Teilnehmern zur Information über die Veranstaltung und zur weiteren Diskussion in den Gemeinden dienen.

Probleme des Siegerentwurfs sind bereits allgemein bekannt

Bei der Veröffentlichung der Aktennotiz geht es nicht um eine Bewertung des Siegerentwurfs, dessen Dürftigkeit bereits früher hier und in zahlreichen Analysen kompetenter Wissenschaftler und Fachleute in der Öffentlichkeit festgestellt worden war. Vielmehr wird die Art der Begleitung durch das Ordinariat betrachtet.

Wahrnehmung der Kontrolle durch die Bauherrschaft

In der Verantwortung des Diözesanadministrators, Prälat Przytarski, wurde vom Koordinator für die Umgestaltung der Kathedrale, Dompropst Prälat Rother, die Veranstaltung anberaumt und vom Pressesprecher des Erzbistums moderiert. In Wahrnehmung der Bauherrschaft wäre eine objektive Kontrolle der Planer zu erwarten gewesen. Stattdessen offenbarte sich in den Räumen der Katholischen Akademie eine distanzlose Unterstützung ohne kritische Kommentierung, die sich auch in der bekannt gewordenen Weiterbeauftragung von Planungsleistungen zeigt. Neben den entstehenden zusätzlichen Kosten wird dadurch auch die Autorität des erwarteten künftigen Erzbischofs im Vorherein belastet, dem allein derartige Entscheidungen vorbehalten sein sollten.

Aktennotiz zum "Gesprächsabend" vom 31. 10. 2014

Alle in Anführungszeichen gesetzten Worte sind Zitate aus den Vorträgen der einleitend genannten Redner, die der Chronologie des Abends folgen und daher nicht einzeln nachgewiesen sind. Mit dem Begriff „Verfasser“ wurde die Gruppe der Teilnehmer verkürzt benannt, die Ihre Aufzeichnungen zu der gemeinsamen Aktennotiz zusammenfasste.

Die hierauf folgende Aktennotiz ist ein in sich geschlossenes Dokument, das zunächst als Entwurf, nach Ablauf der Korrekturfrist am 15. 12. 2014 in endgültiger Fassung und später in reduzierter Form mit Download-Hinweis auf den vollständigen Text angefügt wird.



Aktennotiz zum "Gesprächsabend" in der Katholischen Akademie zu Berlin vom 31. 10. 2014 (Entwurf)

Auf Einladung des für die Zeit der Sedisvakanz im Erzbistum Berlin von Diözesanadministrator Prälat Przytarski beauftragten Koordinators für die Sanierung und Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale, Dompropst Prälat Rother, wurde Interessierten die Möglichkeit gegeben, sich von den Planern, deren Entwurf von der Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden war, ihren Siegerentwurf erläutern zu lassen, Fragen zu stellen und Bedenken vorzutragen.
Der Abend wurde moderiert vom Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Herrn Förner.
Prälat Rother führte zunächst mit einleitenden Worten in das Thema ein.

Vortrag Leo Zogmayer


Leo Zogmayers Leben
Einer der Autoren des preisgekrönten Entwurfs, Leo Zogmayer, Wien, hielt einen Vortrag über seine Arbeit am Wettbewerbsbeitrag. Im ersten großen Abschnitt sprach er über sein Leben und seinen beruflichen Werdegang, über seine Berufung zur Künstlerschaft, über seine Familie und trug Berichte von Bekannten über Probleme von Menschen in der ehemaligen DDR vor.

Leo Zogmayers Schaffen
In einem zweiten umfangreichen Abschnitt seines Vortrags erläuterte er beispielhafte Projekte seines bisherigen Schaffens.

So erläuterte er z. B. den Auftrag für die Gestaltung des Außenraums eines Laborgebäudes, das für ethisch bedenkliche Versuche an menschlichen Zellen errichtet wurde. Um Protesten auszuweichen, ist die Bestimmung des Gebäudes und der Name des Trägerinstituts in der Öffentlichkeit nicht kommuniziert worden. Trotz moralischer Vorbehalte nahm Herr Zogmayer den Auftrag an und versuchte mit seiner Arbeit, die Problematik zu hinterfragen.
Nach der Fertigstellung der Gestaltung überraschte und erfreute ihn die Tatsache, dass der Laborkomplex von einem anderen Träger übernommen wurde und nun von der Universität Tübingen zu ethisch integrer medizinischer Forschung genutzt wird.




Hinführung zum Thema des Abends
[hier im Unterschied zu den vorhergehenden größeren Abschnitte ausführlich wiedergegeben _Anm. d. Verf.]
Zum Schluss kam Herr Zogmayer auf Beweggründe zu sprechen, die Form und Gestaltung des Wettbewerbsbeitrags bestimmten.

„[…] die Umgestaltung birgt ein starkes Versöhnungspotential.“
In einem früheren Kolloquium wurde von einem Teilnehmer die Vision aufgezeigt, dass das, was die Katholische Hauptkirche „St. Peter“ zu Rom für die ganze Welt ist, die Kathedrale
„St. Hedwig“ zu Berlin in der Hauptstadt für ganz Deutschland sein sollte. Obwohl diese Vision anfangs überraschte, ist Herr Zogmayer „im Laufe der Arbeit zu der Ansicht gelangt – das ist nicht überzogen.“
Spannungsfeld von Erhaltung und Umgestaltung
im Zusammenhang mit einer Umgestaltung stellen sich Fragen:
„… soll das Erbe gewahrt werden?“ 
„Wie geht das, ohne dass vom wertvollen Erbe etwas verloren geht?“
„Zwischen Kunst und Religion ist nicht wirklich zu unterscheiden. Es geht um dasselbe.“
Es geht um Öffnung.  „Öffnung ist nicht messbar.“
Wege seien zu suchen, „ […] ohne dass man auf irgendwelche dogmatischen Kanäle sich festlegt.“
Worterkundungen
Schön – Staunen
„sichtbar“ ergibt im Silbentausch „bare Sicht“
„unvoreingenommenes Schauen, nicht entlang von Wahrnehmungsmustern.“
„Sonst landen wir in der reinen Betriebsamkeit. Das gilt auch für die Religion.“


IF YOU CELEBRATE IT
„Das ist die Ankerstelle, wenn ich eigene und fremde Arbeiten prüfe.“
Bild aus einem Verkaufsprospekt

Ein Uhrenentwurf 
 [s. Abbildung _Anmerkung der Verfasser] 
„Etwas Einfaches kann zur wirklicheren Wirklichkeit werden.“
„Ein Pfarrer sagte mir, das ist die kleinste Kirche.“


Präsentierte Bilder von Arbeiten für den Weltjugendtag 2005

Arbeiten für den Weltjugendtag 2005 

Messgewand  [s. Abbildung _Anm. d. Verf.]
[Bilder wurden in den Wettbewerbsunterlagen
für die Kathedrale zitiert;  _Anm. d. Verf.]



Gestalterische Methode:
„Wir können das nur über einen Reduktionsprozess erreichen.“
Herr Zogmayer weist auf Einwände der Kritiker hin: kalt, nüchtern, steril.

Kath. Kirche  St. Paulus in Brüssel von 2001

[Kirche der deutschsprachigen Belgier, die von Leo Zogmayer gestaltet wurde _Anm. d. Verf.]
Kirchenraum für 200 Personen mit Sitzplätzen auf Stühlen
„Damit nicht der Eindruck eines Stuhllagers entsteht, habe ich einen sehr transparenten Stuhl entworfen.“
Nachträglich sollte eine Orgel hinzugefügt werden. Dazu wurde eine dem lichtdurchfluteten und schlicht gehaltenen Raum angemessene Orgel in einem verschließbaren Schrank aus Holz eigens entworfen, denn „die meisten Orgelbauer haben nur ein historisierendes Repertoire.“
[Hier wurde 2012 im Rahmen der Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz von den Bischöfen die Eucharistie gefeiert. Stühle dieses Designs wurden in der kleinen kath. Kapelle in Zinnowitz wiederverwendet _Anm. d. Verf.]
[2009 übernahm Herr Zogmayer in Brüssel auch die liturgische Einrichtung der Kapelle der europäischen Bischofskonferenz. _Anm. d. Verf.]


St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin
Herr Zogmayer wendet sich nun der St. Hedwigs-Kathedrale zu

Konzept für die Kapellen der Unterkirche
Präsentiertes Bild eines Türschilds 
Bildprojektion  [s. Abbildung _Anm. d. Verf.]: 
Darstellung eines Türschilds mit der Aufschrift „Ex 3.5“
Erläuterung: Ex 3.5 steht für Exodus 3.5  _Bibelzitat:
Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! 
Leg deine Schuhe ab;
denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. 
„Hier, wo soviel Geschichte ist, braucht es einen neuen Impuls.“
Herr Zogmayer erzählt die Legende der hl. Hedwig, die ihrer Schuhe in der Hand trägt. 
Mit Ex 3.5 ist ein erstes Beispiel vorgestellt.

Geplant ist, jede der einzelnen Kapellen unter ein solches Bibelzitat zu stellen.
„Die Kapellen bilden dann Stationen eines Weges mit einem Programm.“
Sie werden zum „kontemplativen Bereich, wo man einen Pfad beschreiten kann, verweilen kann, sich hinsetzen kann.“

Konzept für den Hauptkirchenraum
Die Kritik an dem Entwurf führt an, „die Vertikale werde nur mental sein.“
Gegenargumentation:
„Das Schließen ist liturgisch notwendig.“
„Die Vertikale ergibt keinen Mehrwert.“
Appell an die Kritiker
„Zuerst Feindschaften abbauen, dann kann ich Liturgie feiern.“

Konzept für den Hauptaltar
Es wird ein Bild projiziert: [Dargestellt ist eine weiße Halbkugel, die mit der gewölbten Seite auf dem Boden gesetzt ist. _Anm. d. Verf.]
Rhetorische Frage zur schlichten Gestalt: „Warum ist da nicht Dekor und Erzählung darauf?“
Formulierung eines Bezugs auf die Bauform des Kuppelraums
„Die Halbkugel ergänzt sich in uns zur Kugel, in mir.“
„…das passiert eher subkutan.“

Konzept für die Communio
„Das Selbstverständlichste ist die Versammlung im Kreis.“
Abwehr einer (von Herrn Zogmayer so genannten) „Standardkritik“,
nach der Kritiker meinen: „So komme man nur zusammen, um sich zu wärmen.“
Abwehr der Kritik zur Frage der Transzendenz
Zum Vorwurf: „Dieser Raum habe eine Schwäche, da er nicht ausgerichtet ist auf Gott.“
verweist er auf die Bibelstelle „ … da bin ich mitten unter Euch.“ (Mt. 18:20)
Abwehr der Kritik am Mittenbezug des Entwurfs,
der Ausdruck wäre für „die sich selbstgenügende Gemeinde“;
Manche kritisieren mit den Worten: „Die haben sich gefreut, dass sie einander gesehen haben“.
Herr Zogmayer deutet die Kritik positiv „…das könnte ein Jesuswort sein“.
Abwehr der Kritik an der räumlichen Orientierung des Entwurfs
Er mahnt, sich „nicht in menschlich kognitive Orientierung zu verlieren“.
Der Entwurf sei „eindimensional, offen und einander zuwendend“.
Herr Zogmayer betont seine eigene Überzeugung von der Richtigkeit dieses Ansatzes.
Es ist „nicht ein Bauprojekt, sondern ein Kreuzzug, ein unblutiger Kreuzzug.“
„Jeder, der mitfeiert, richtet den Raum mit, als Liturg.“

Konzept für die liturgischen Abläufe
Es wird ein Bild projiziert:
[Ein den mittigen kreisrunden Altar umschreibender größerer Kreis mit vier im Quadrat angeordneten Leuchterstandorten zwischen den beiden Kreisen _Anm. d. Verf.].
Ein „in den Boden eingezeichneter Kreis um den Altar“ [der größere Kreis _Anm. d. Verf.] umgrenzt den Bereich der Zelebranten und ist für die Gemeinde die Linie, an der die Kommunion in Empfang genommen werden kann.

Zum Abschluss des Vortrags zeigt Herr Zogmeyer erstmals ein Bild zum Wettbewerbsbeitrag:
Die Visualisierung der Stuhlreihensegmente konzentrisch um den runden Altar in der Mitte.



Pause
Nachdem der Vortrag von Herrn Zogmayer länger als geplant dauerte (ca. 75 min), wurden die Besucher von Prälat Rother gebeten, die vorgesehene Pause auf 10 min zu begrenzen. Die Gäste hatten nun im Foyer Gelegenheit, sich mit Mineralwasser und Salzgebäck zu erfrischen.


Vortrag Peter Sichau


Einführung

Die St. Hedwigs-Kathedrale hat eine „überraschend besondere Architekturform“.
„Was soll das, warum sieht sie so aus?“
Herr Sichau spricht von der 4. Phase der Arbeit, bei der sich die Planer „ausgiebigst mit der Geschichte beschäftigen.“
Sein Büro arbeitete nun „seit 12 Monaten“ an diesem Projekt.
Er erläutert, dass sie „versucht haben, die Schwippertsche Gedankenwelt nachzuvollziehen“.
Die Untersuchungen zu Biografie und Schaffen von Hans Schwippert im Kontext seiner Lehrer führen Herrn Sichau dazu, dass er sich zu erlauben glaubt,
die „kecke Behauptung aufzustellen,
dass unsere Bearbeitung eine reinrassige Schwippertsche Konzeption ist.“
Die Auslobung ist der Ausgangspunkt;
Standortbestimmung im Prozess der Sanierung und Umgestaltung:
„Der Punkt Null im dialogischen Prozess mit dem Menschen, die den Bau nutzen, zum einen als Arbeitsplatz und derer, die dort Liturgie feiern“

Städtebauliches Konzept

Die Kirche ist freizustellen. Eigentlich verlangt die Bauform, als Solitär auf dem Gelände bis zu Französischen Straße zu stehen. Doch die funktionalen Anforderungen des Erzbistums machen den Kompromiss unumgänglich, auch Bauten an der Französischen Straße nutzen zu können.
Dabei ist geplant, den Neubau des 20. Jahrhunderts durch einen anderen in der transparenten Formensprache des 21. Jahrhunderts zu ersetzen. „Jegliche Intervention orientiert sich an der Qualität des Vorgefundenen, unabhängig von der Entstehungszeit, die mindestens gehalten werden muss.“ Angestrebt ist, sie zu schärfen oder zu verbessern.
Nach dem Abriss des Anbaus aus dem vorigen Jahrhundert und seinem modernem Ersatz, soll die ältere Bausubstanz des Bernhard-Lichtenberg-Hauses mit dekorativen Fassadenelementen im Stile der barocken Erbauungszeit verziert werden.

Umgestaltung der Kathedrale

Vorbild für die Umgestaltung der Kathedrale ist die Stadtkirche St. Stefan zu Karlsruhe
[durch das erzbischöfliche Bauamt Heidelberg geplant und 2011 eingeweiht _Anm. des Autors].

Umfangreiche Recherchen führten dazu,
„dass wir uns entschlossen haben, Hans Schwippert zu hinterfragen.“
Bei der Betrachtung des Kuppelbaus von Knobelsdorff haben die Planer, „versucht zu lesen, was der Architekt ausdrücken wollte.“

Es wurde festgestellt und zu Bedenken gegeben, dass die Raumfassung Schwipperts
„weltweit einmalig geblieben ist“ und eine „eigenständige Interpretation der 60-iger Jahre des 20. Jahrhunderts“ darstellt.

Interpretation der Intension des Schwippertschen Projekts

„…es verfolgt exakt die gleichen Ziele, die Liturgie in das Zentrum zu stellen;“
getragen von der Idee, „die auratische Achse könne sich auch visualisieren“ lassen. „Der Versuch ist lobenswert.“
Die Unterkirche war „als Memorialort wichtig“. Die Ausführung beurteilt Sichau als „liturgisch und theologisch schwierig“.
Durch die Gestaltung sei die Inszenierung der liturgischen Abläufe festgelegt. Es stelle sich die Frage, ob „der Raum der Liturgie dienen muss oder die Liturgie dem Raum.“

Der Vortragende legt seinen Standpunkt dar:
„Die Architektur war zuerst da.“
„Warum etwas visualisieren, was der Raum überhaupt nicht braucht.“
„Was er [Schwippert _Anm. d. Verf.] getan hat, ist nachvollziehbar.“
Doch „liturgische Probleme sind aufgetreten.“ „[…] deshalb blieb der Bau ein Einzelfall.“
Der Knobelsdorffsche Zentralraum ist eine „simple Form und braucht keine zeitgenössische Formung.“
„Wenn die Fassung [Schwipperts _Anm. d. Verf.] eine Kraft besessen hätte, wäre „nicht eine Intervention vorzunehmen.“
Sichau plant eine Intervention, die „eine Radikalität besitzen muss – eine radikale Reduktion“.
„Nur wenn wir der Vorlage Knobelsdorffs und der Gedankenwelt von Schwippert gerecht werden,“ fände man die Lösung. „Mit Präzision meinen wir das zu tun, was uns der Raum vorschreibt.“
„Die Kathedrale des 21. Jahrhunderts ist der Raum des 1. Jahrhunderts.“

Funktionale Probleme des Siegerentwurfs


Sitzplatzanzahl und Sichtmöglichkeiten

Der Architekt bemerkte, dass die Sitzplatzanzahl den Wünschen angepasst werden könne, wofür die flexiblen Stuhleinheiten gute Gelegenheit böten. Es seien 500, 600 oder auch 700 Plätze bei entsprechender Planung möglich.
Die freie Sicht der Gottesdienstbesucher in den hintersten Reihen sei auch ohne Anhebung der Altarebene möglich, da man die Stühle von Reihe zu Reihe „nach dem Prinzip des Fibonacci“ versetzt anordnen würde.

Lösungen für Chor und Kirchenmusik

Die bisherige „kryptische Akustik“ wolle man verbessern.
„Irgendwo muss die Kirchenmusik verortet werden. Wir haben das unter der Orgel getan.“
„Mit Hubpodesten kann es den jeweiligen Musikaufführungen“ angepasst werden.

„Eine Architektur die nicht funktioniert, können Sie als Museum nutzen.“

Gründe für den Umbau

Die banalen Gründe für den Umbau:
– Haustechnik
– Heizung
– umständliche Abläufe
„Das war der eigentliche Ausgangspunkt.“

Raumgestaltung
Hauptkuppelraum:
hoch, hell, klar, sehr präzise, weiß

Sakramentskapelle
kontemplativer, ruhig, etwas dunkler

Orgel
Der zum Siegerentwurf gehörende „Orgelvorschlag ist nicht mehr aktuell“.
Die eigentlich nicht zu der geplanten Gestaltung passende vorhandene Klais-Orgel soll auf Wunsch des Erzbistums erhalten bleiben.

Vorhalle
Die Vorhalle ist „grauselig“. Sie wurde „schon von Knobelsdorff schlecht gemacht.“

Abschließende Bemerkungen

„Im Sinne dieser Bildbefreiung, die bitte nicht als Bildersturm zu bezeichnen ist, überlässt die Architektursprache sich selbst.“

Es wird eine Modell-Visualisierung projiziert
„Was Sie hier sehen, ist ein Bilderrahmen. Es fehlt das Bild,“ die versammelte Gemeinde, „die in der simplen bestechenden Einfachheit vorhanden ist.“

Bei der Einblendung einer Draufsicht auf das Modell seines Entwurfs meinte Herr Sichau:
„Dieser Blick von oben erklärt alles, was im 18. Jahrhundert gedacht war.“

Es solle ein „Bild der Geschichte ohne ironische Attitüde“ entstehen.
„Jegliche Assoziationen, die dies mit Architektur verwechseln, sollten ausbleiben.“

Abschließend bezeichnete Herr Sichau kritische Hinweise als „Anregungen, die wir brauchen, um die 6. Phase anzustoßen.“

Fragemöglichkeit der Zuhörer
Nach den ausgedehnten Vorträgen war die verbleibende Zeit für den ursprünglich vorgesehenen Dialog begrenzt. Es wurden Fragen der Zuhörer zu Blöcken zusammengefasst und von den Vortragenden und Prälat Rother oder dem Pressesprecher Förner beantwortet.


Wortmeldung des ersten Fragestellers:

Die Ausführungen der beiden Künstler belegen, dass sie die Lage der Kirche und der Glaubenden im Erzbistum Berlin nicht verstanden haben. Das sei insoweit schwierig, weil sie für sich in Anspruch nehmen, diese Lage in ihrer Gestaltung berücksichtigt zu haben. Die Gestaltung des Entwurfs sei nicht an der Glaubenswirklichkeit in der Diaspora orientiert und würde geistliche Heimat zerstören, nachdem den Kommunisten das gottlob nicht gelungen sei. Für uns als Christen in Berlin sei Glaube im Alltag wichtig, weil darin der Glaube strahle und Evangelisierung geschehe. Dafür bräuchten wir Heimat. Wenn wir unsere finanziellen Ressourcen in ästhetische Projekte ohne Mehrwert aus nur vorgeschobenen liturgischen Gründen stecken würden, sei uns nicht geholfen. Darum sei es für mich Ermutigung, dass die Entscheidung über die Realisierung des Entwurfs durch den Eintritt der Sedisvakanz wieder offen sei.

Die Fragen lauteten:
Welche vorbereitenden Maßnahmen sind noch bis zum Ende der Sedisvakanz geplant?
Welche Belastungen für den Bistumshaushalt sind durch den Entwurf zu erwarten?

Bitte um Bekanntgabe der Kostendaten des Wettbewerbsbeitrags

Da zu den zu erwartenden oder budgetierten Kosten mit Verweis auf den Entwurfscharakter der bisherigen Planung keine Aussagen getroffen wurden, ist Prälat Rother von einem anderen Teilnehmer gebeten worden, lediglich die zum Wettbewerbsbeitrag ohnehin dazugehörigen Daten- und Kostenblätter zugänglich zu machen, um den zu Spenden aufgerufenen Gläubigen den Kostenrahmen, der mit dem Siegerentwurf verbunden ist, aufzuzeigen.
Prälat Rother bezeichnete die entsprechend Wettbewerbsordnung zum einzureichenden Beitrag gehörenden Kostendaten als „Phantasiesummen“, die man nicht öffentlich machen könne. Eine nach dem Wettbewerb vom Erzbistum einberufene Gutachterkommission habe die Zahlen als falsch bewertet.
Abschließend lehnte der Koordinator für die Sanierung und Umgestaltung der
St. Hedwigs-Kathedrale, Dompropst Prälat Rother, es ab, Einblick in diese die Kosten und Nutzungsdaten betreffenden Teile des Ergebnisses des offenen Wettbewerbs zu gewähren.

Bedenken hinsichtlich des Baugrundes

Verweis auf Baugrundprobleme der direkt benachbarten Staatsoper, sodass Abgrabungen im Inneren und im unmittelbaren Umfeld der Kathedrale äußerst riskant sind und mit nicht kalkulierbaren hohen Kosten verbunden sein werden;

[Weitere Fragen und Antworten werden von den jeweiligen Fragestellern noch dokumentiert.]

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