Montag, 29. Dezember 2014

Macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle!

Jesus reinigte den Tempel
Johannes berichtet im zweiten Kapitel seines Evangeliums (Verse 13 bis 16), wie Jesus den Tempel von unangemessener Nutzung reinigte. Er vertrieb Geldwechsler und Händler, die dort Geschäfte machen wollten, mit den Worten "macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle!" Joh. 2.16.

Braucht auch die St. Hedwigs-Kathedrale eine Tempelreinigung? (Schnorr von Carolsfeld, 1860)


Werbung und Geldtransaktionen in der Kathedrale
Im Juli 2014 waren die 15 Beiträge zur zweiten Phase des Realisierungswettbewerbs in der Kathedrale ausgestellt. Seit August 2014 wurde in der nördlichen Nische des Gotteshauses, umrahmt von Bild- und Schrifttafeln, das zum Sieger gekürte Modell für einen Umbau des Kirchenraumes präsentiert. Ein großer Aufkleber am Sockel fordert zu Geldspenden „für die Renovierung der Kathedrale“ auf. 

Spendenwerbung zu einer "Renovierung" mit einem Umbaumodell in der St. Hedwigs-Kathedrale seit August 2014


Welche Haltung hat die Domgemeinde zu dieser Nutzung des Andachtsortes?
Im Kirchenvorstand der Domgemeinde St. Hedwig, die Eigentümerin der St. Hedwigs-Kathedrale ist, wurde ein Antrag zur Verlegung dieser Ausstellung beraten. Es wurde vorgeschlagen, Modell und Tafeln, die Anlass zu Gesprächen, Diskussionen und Geldtransaktionen sind, an einem Ort zu präsentieren, wo dies besser möglich ist, ohne dass sich betende Gläubige in ihrer Andacht gestört fühlen könnten. Das Kathedralforum im benachbarten Bernhard-Lichtenberg-Haus böte den angemessenen Rahmen und eine anregende Atmosphäre, um bei einer Tasse Kaffee ins Gespräch zu kommen. Angeführt von Domvikar Marra, der in der Amtszeit des damaligen Berliner Erzbischofs Woelki zum Pfarradministrator ernannt worden war (Mai 2012), wurde der Antrag im Kirchenvorstand abgelehnt. Modell, Ausstellung und Spendenwerbung verblieben in der Kathedrale.
Umdekorierung der Werbenische in der Kathedrale
Zu Weihnachten 2014 wurde eine Umdekorierung der Nordnische des Kirchenraumes vorgenommen. Das auf einem Sockel erhöht stehende zentrale Modell und zwei flankierende Banner mit Texten und Bildern bilden die moderne Variante eines Triptychons, dem typischen Andachtsbild in vielen Kirchen.

Triptychon-Beispiel: Das Jüngste Gericht, Hans Memling, 1470















 
Der moderne Triptychon in der St. Hedwigs-Kathedrale – eine Werbenische im Gotteshaus seit 2014

Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Installation keinen religiösen, sondern einen anderen Zweck verfolgt. Nach wie vor steht das Modell auf einem Sockel, der eine große Spendenbox bildet. Dort prangt ein Werbeaufkleber, der mit einem farbigen Pfeil und der Aufforderung zur Spende „für die Renovierung“ bedruckt ist. 

Fehlversuch zur Rechtfertigung
 der Geldverschwendung
in  der St. Hedwigs-Kathedrale seit 2014 
Der Rechtfertigungstext für Planungsprobleme

Die rechts davon aufgestellte Tafel enthält eine 42-zeilige Liste von Rechtfertigungen, Versprechungen und Änderungsankündigungen der Planer. Bei dem durchgeführten Realisierungswettbewerb ist der Siegerentwurf auszuführen. Offensichtlich gibt es diverse Gründe, die das ausschließen. Da braucht es viel Wortakrobatik, um Argumente zu konstruieren, die weitere Kosten in Höhe von 1,5 Mio. Euro nur für Planungen, Änderungen und Fehlerkorrekturen rechtfertigen.

Am Ende des langen Textes stellt sich der von Kardinal Woelki beauftragte und von Prälat Przytarski für die Zeit der Sedisvakanz bestätigte Koordinator des Erzbistums für die Sanierung und Umgestaltung der Kathedrale, Dompropst Prälat Rother, als Leiter des Projekts vor. Er versichert, im Gespräch bleiben und auf Fragen, Anregungen sowie Kritik eingehen zu wollen. Interessierte müssen längere Zeit im Umgang hinter den Kirchenbänken stehen, wenn sie den gesamten Inhalt der Tafel erfassen wollen.



Animierung zur Mobilfunknutzung    

Die Gläubigen und Besucher werden vom Erzbistum
mit die Werbung aufgefordert, im Gotteshaus
zu Simsen, während andere beten möchten.
Links neben der Glasvitrine des Modells springt den Besuchern ein Werbebanner ins Auge, das zur Benutzung ihres Mobiltelefone aufruft. Besonders junge Besucher und Touristen werden sich angesprochen fühlen, die Buchstabenfolge "HEDWIG" in die Tastatur ihres Smartphones zu tippen. Sobald der Name der Patronin der Kathedrale als SMS an die angegebene Nummer verschickt wurde, wird das Konto des Absenders automatisch mit 5 Euro zuzüglich Gebühren belastet.
Die Installation ist in dieser Nische sehr werbewirksam platziert. Eintretende Besucher werden von den Lichtpunkten der Kerzen unter dem Andachtsbild der Gottesmutter Maria in der nächsten und der Krippe in der übernächsten Nische angezogen. Auf dem Weg zu Besichtigung und Fürbitte nimmt man die Werbung im Vorübergehen schon wahr. Nach dem Gebet trifft die Spendenaufforderung auf dem Rückweg direkt in das mild gestimmte Herz des Gläubigen.
Neuerdings wird mit dieser schon lange von Erzbistum verbreiteten Werbung, zur Unterstützung von "Umbau und Sanierung" aufgefordert.
Auf der Internetseite "www.erzbistumberlin.de" wird zeitgleich eine Onlinespende für die "
Sanierung und Umgestaltung der St.
Hedwigs-Kathedrale" eingeworben. Die Spendenwerbung per SMS auf dieser Seite fordert das Geld ganz schlicht für "uns". Als das Erzbistum die Spendenaktion per SMS im Mai 2014 medial verbreitete, wurde das Geld noch für den "Erhalt der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale" gefordert. Als Verwendungszweck gab man an: "Das Erzbistum Berlin schafft eine neue Finanzierungsmöglichkeit für die anstehende Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale." Was mit ihrem Geld tatsächlich geschieht, können die Spender nicht mehr beeinflussen. Eine Sanierung steht jedenfalls nun nicht mehr an erster Stelle. 

Unwissenheit oder Täuschung?
Unter dem Modell vom Umbau des Innenraums der Kathedrale nach dem Abriss des bestehenden intakten Innenausbaus steht die Spendenaufforderung des Erzbistums Berlin:
"FÜR DIE RENOVIERUNG DER KATHEDRALE BITTEN WIR UM IHRE HILFE – BITTE SPENDEN SIE" Der große Pfeil weist auf den Schlitz zum Geldeinwurf.

Unter dem Modell zum Umbau der Kathedrale wird Geld
für die Renovierung eingeworben, die gar nicht geplant ist.
Eine kurze Internet-Recherche würde selbst baufachlich Unkundigen verdeutlichen, dass "Renovierung" der falsche Begriff dafür ist, was mit der St. Hedwigs-Kathedrale geschehen soll. Bei einer Renovierung geht es um die Instandsetzung "von schadhaft, unansehnlich gewordenen Gebäuden" (lt. Duden). "Man beseitigt Schäden aufgrund von Abnutzung durch den gewöhnlichen Gebrauch und stellt den ursprünglichen Stand der Nutzbarkeit wieder her" heißt es z. B. bei Wikipedia weiter.
Hat bei den Verantwortlichen des Erzbistums niemand den Sachverstand, den tatsächlich geplanten Umbau von einer Renovierung zu unterscheiden?

Gerade Geistliche sollten doch in der Ausbildung und im Berufsalltag Kenntnisse der lateinischen Sprache erworben haben, die eine Herleitung des Begriffs von "renovare" für "erneuern" ermöglichen würden.

Oder ist es nicht Unwissenheit, sondern Kalkül, das die Verantwortlichen veranlasste, den irreführenden Begriff zur Spendenwerbung zu nutzen? Das ist in der Bischofskirche eines Erzbistums kaum vorstellbar. Es wäre eine bewusste Täuschung gutgläubiger Kirchgänger und Besucher, die keine baufachlichen Kenntnisse haben und dem geschriebenen Wort ihrer Seelsorger in einem geweihten Gotteshaus vertrauen. Sollte ihre Erwartung auf Wahrheit an heiliger Stätte derart missbraucht werden? 



Es gibt eine Bildkarte, die zwar plakativ, aber kurz und prägnant den Widerspruch zwischen Tatsachen und Werbung zusammenfasst.


Fundstück: Eine Postkarte thematisiert den Widerspruch zwischen Renovierung und Teilabriss mit Umbau:
   Umbau ist keine "Renovierung" – Spendenaufruf in der St. Hedwigs-Kathedrale als Etikettenschwindel 








Die Hoffnung bleibt
Den Gläubigen der Erzdiözese Berlin bleibt die Hoffnung auf einen vom Heiligen Geist erfüllten, klugen neuen Erzbischof, der dem Beispiel Jesu folgt und der Kathedrale ihre Würde zurückgibt. Mit Gott und Glück könnte er entscheiden, dass nach der Fehlnutzung auch die Pläne, die Kathedrale zu einer Mehrzweckhalle umzubauen, beendet werden.


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