Freitag, 19. September 2014

"Normalzentralität" und ein Haus für alle Götter

Was wünschen die Gläubigen zu finden, wenn sie eine katholische Kirche aufsuchen? 

–  Normalzentralität  –  wie die Jury des Wettbewerbs entschied ?


War es wirklich das Ziel der Katholiken des Erzbistums Berlin "… der Kirche eine immer wieder vermisste „Normalzentralität“ zu geben …"?
Im Statement des Jury-Vorsitzenden Kaspar Krämer vom 1. Juli 2014 zur Wettbewerbsentscheidung ist solches zu lesen:
"Der von der Jury mehrheitlich befürwortete Entwurf sieht daher auch vor, diese Öffnung zu schließen und der Kirche eine immer wieder vermisste „Normalzentralität“ zu geben, und sie damit zu einem Gotteshaus werden zu lassen, das sich mit dem liturgisch geforderten Gestaltungsanspruch unserer Zeit würdig in die Vergangenheit einreiht und die Tradition des Sakralbaus fortschreibt."
"immer wieder vermisst" – von wem denn?

Normalzentralität

Ist dies ein Begriff aus einer EU-Verordnung zur Gestaltung katholischer Bischofskirchen?
Wie ist dieses bürokratische Wortungetüm im Zusammenhang mit einer Kirche zu deuten? 


Kathedrale wird zu Friedrichs Tempel

Der philosophisch gebildete Preußenkönig Friedrich, dem Berlin die Hedwigskirche verdankt, würde sich vermutlich köstlich amüsieren. Nach 240 Jahren hat sich sein aufklärerischer Geist gegen die Theologie durchgesetzt. Aus einer katholischen Kirche soll wieder ein Pantheon werden und zwar ganz ohne Zwang von König oder Staatsmacht. 

Das Pantheon ist nach seiner altgriechischen Wortbedeutung ein allen Göttern geweihtes Heiligtum. Ein meist runder ungeteilter Zentralbau an dessen Wandinnenseite, in Nischen oder zwischen Säulen, Statuen diverser Gottheiten stehen. Womöglich wurde in der Antike zeitweise ein aktuell entscheidendes Götterbild zur besonderen Verehrung in das Zentrum gerückt.


St. Hedwigs-Kirche um 1750 (Stich von Schleuen)  – ohne Laterne mit Kuppelöffnung wie beim Vorbild, dem Pantheon zu Rom

Der praktisch veranlagte alte Fritz genehmigte den katholischen Zuwanderern ins protestantische Brandenburg, die aus dem zuvor von Österreich erbeuteten Schlesien kamen, so ein vielseitig verwendbares Gebäude. Man weiß ja nie, ob sie vielleicht konvertieren oder überhaupt im Land bleiben. Als städtebaulicher Baustein im Forum Fridericianum war der antike Tempel jedenfalls nützlich. 
Zur Baugeschichte des Forum Fridericianum (aus einem Vortrag von Horst Bredekamp, s. Link):  "Ab 1747 kam aber die Errichtung der Hedwigskirche hinzu, die dem Wunsch Friedrichs des Großen entsprechend das römische Pantheon nach Berlin zitieren sollte. Mit diesem Tempel verband sich die Idee der Toleranz: ”Tempio di tutti li Dei“ (Kirche aller Götter), wie es auf einer Radierung des Pantheon heißt, die Piranesi ein Jahr zuvor veröffentlicht hatte. Es war ein Coup besonderer Art, an diesem Ort eine katholische Kirche zu errichten, die mit St. Hedwig auch die Schutzpatronin des eroberten Schlesien repräsentierte und auf diese Weise die Besiegten durch Ehrung zu integrieren suchte." Skizzen zur Architekturgeschichte _Bredekamp, Horst
Es blieb der Pfarrgemeinde überlassen, wie sie mit dem Geschenk im Inneren umgeht. Bislang war es der Glaubensgemeinschaft in der brandenburgischen Diaspora gelungen, den Innenraum zu einem katholischem Gotteshaus zu formen. Nun beginnt das Danaergeschenk Friedrichs seine subversive Wirkung zu entfalten ("Was immer es ist, ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen." So  lässt Vergil  in seiner Aeneis den Priester Laokoon vor dem Trojanischen Pferd warnen.)
Die ehemalige Hedwigskirche und jetzige Kathedrale soll wieder zum antiken Tempel werden, wie sie Friedrich der Große als Pantheon errichten ließ.


Banale Leere mangels theologischen Programms

Was brachte der Wettbewerb? Welche theologische Auffassung bei der Nutzung der leergeräumten Halle unter dem Kuppeldach vertreten wird, hängt nur von der Anordnung der Stühle auf dem niveaugleichen Fußboden ab. 
Alles ist möglich, nichts ist bestimmt – eine nichts sagende Gestaltung.
Eine flexible und vielfältig bespielbare Halle
soll aus der St. Hedwigs-Kathedrale werden
Die banale Leere des Siegerentwurfs resultiert aus dem Fehlen theologischer Inhalte. 
(Auch Kritiker des Bestandes werden dagegen die spirituelle Tiefe von Schwipperts Raumschöpfung, die die Gläubigen inspiriert, anerkennen und später vermissen).

Doch zu viel Kirchliches könnte in einer geplanten inoffiziellen 
"Botschaft der katholischen Kirche in der Bundeshauptstadt Deutschlands
wichtige Gäste irritieren und dem medialen Image schaden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen