Freitag, 11. Juli 2014

Knien Katholiken heute noch? Spalten neue Stühle die Gemeinde?


Die Bestuhlung im Entwurf des Wettbewerbssiegers
oder 
Platzangebot, Kniebänke und andere Probleme


Anzahl unterschiedlicher Sitzplätze im Siegermodell

Bei der Ankündigung des Wettbewerbs war davon die Rede, dass sich das Platzangebot für die Gottesdienstbesucher verbessern soll.
Nun liegt das Ergebnis des Wettbewerbs vor und das Modell des maßstäblichen Siegerentwurfs gibt eine detailreiche Vorstellung davon, wozu ein dementsprechender Umbau führen würde. Da statt wohlvertrauter Kirchenbänke koppelbare Einzelstühle, die aus Konzert- und Veranstaltungsorten bekannt sind, Anwendung finden sollen, lässt sich die Anzahl der Sitzplätze exakt ermitteln.

Wäre es nicht schön, wenn viele Gläubige kämen? 
Etwaige Vorfreude wird getrübt, durch die aus dem Modell abzuleitenden Zahlen, die deutlich zeigen, dass Sitzplätze nach dem Umbau rar sein würden:

Besucherkapazität bei Festgottesdiensten mit oratorischer Musik –  364
Bei festlichen Gottesdiensten mit großem Chor und großem Orchester wird das Sitzplatzsegment unter der Orgel den Musikern weichen müssen.

Maximale Besucherkapazität  –  440
(Dabei sind 11 Beistellhocker bereits eingerechnet)


Unterteilung der Gesamtzahl an Sitzplätzen (Ort, Funktion, Nutzbarkeit)

Max. Besucherkapazität auf Stühlen in der Hauptebene  –  381
Zusätzlich mögliche Hocker vor den Nischen  –  11
Gesamtzahl der nicht barrierefreien Stühle in den Nischen  –  48
In den vier Fensternischen werden jeweils 12 Stühle in zwei Reihen Aufstellung finden, die über Stufen zu erreichen sind.

Der Aufstellung der Stühle in einer katholischen Kirche würde, nach Aussage der Planer, dadurch Rechnung getragen, dass zwischen den zu Reihen gekoppelten Stühlen, Kniebänke eingefügt werden könnten. Auch Ablagemöglichkeiten für Gesangbuch, Handtasche etc. könnten in der Rückenlehne des vor dem jeweiligen Besucher stehenden Stuhls als Sonderanfertigung integriert werden. 
Daraus ergibt sich eine Differenzierung der Stühle.  Plätzen ohne Vordermann und Zusatzelementen stehen Stühle gegenüber, von denen aus der Gottesdienst in bewährter Weise mitgefeiert werden könnte.

Max. Anzahl von Stühlen mit nutzbarer Kniebank  –  299
Max. Anzahl von freistehenden Stühlen ohne Kniebank  –  130
Max. Anzahl von Hockern ohne Kniebank  –  11
(Bei großen Gottesdiensten mit Platzbedarf für viele Musiker reduziert sich die Platzanzahl um bis zu 76, verteilt auf die einzelnen Kategorien)


Blick in ein Modell der St. Hedwigs-Kathedrale nach den Vorstellungen des Wettbewerbssiegers





























Platzkarten, Stuhlpatenschaften und weitere Fragen

"Diejenigen, die sich bei bestimmten Gelegenheiten während der heiligen Messe gern niederknien möchten, werden gebeten, nur die Reihen 2 bis 6 zu nutzen." Dieser Hinweis könnte, so oder anders formuliert, im Falle eines Umbaus zu den Vermeldungen vor jedem Gottesdienst gehören. Nutzer der anderen Stühle würden dann entweder stehen oder auf dem Fußboden knien. Manche werden es bei einer Kniebeuge belassen, da es nicht jedem leicht fällt, sich vom Fußboden aufzurichten. So würde gerade in den andachtsvollsten Momenten die Gemeinde schwankend und quirlig agieren.

Da jeder Sitz eindeutig definiert wäre, würde man nicht mehr mit Fragen belästigt, ob noch ein wenig Platz frei ist oder durch Zusammenrücken noch jemand sitzen könnte.
"Zeitiges Kommen sichert die besten Plätze." "Wer hat, der hat." Besitzanspruch vor Nächstenliebe. Platzkarten könnten vergeben werden oder es bestünde die Möglichkeit, sich für bestimmte Plätze mit einem gewissen Obolus dauerhafte Anrechte zu sichern, womöglich markiert mit einem blanken Namensschild. So könnte die Gemeinde geteilt werden in die, die sich niederknien möchten und jene, die grundsätzlich nur Sitzen und Stehen möchten. Doch wäre statt einer Teilung nicht eher Gemeinschaft erstrebenswert?


Die im preisgekrönten Wettbewerbsmodell vorgesehene Bestuhlung nach den Umbauplänen























Stehen, knien und auf den Altar blicken

Vorn kann man nicht knien und dahinter nichts sehen, wenn der Vordermann stehen muss, weil er keine Kniebank hat. Beginnend mit der dritten Reihe wird es sowieso immer schwerer,  überhaupt etwas zu sehen (über Häupter zu sehen), da Altar und Priester auf gleicher Höhe mit den Gläubigen stehen. Über die theologischen Vorteile der Gleichheit in der Communio (Gemeinschaft) kann der Gläubige in der 4. bis 6. Reihe ausgiebig nachdenken, da er beim Blick auf den Altar überwiegend auf Hinterköpfe schaute und weniger am eucharistischen Geschehen teilnähme.

Wenn viele Menschen sich spontan versammeln und einer etwas sagen soll, den möglichst alle sehen wollen, dann bringt man ihm einen Kiste, einen Hocker oder eine Leiter, worauf er steigen kann, und das Problem ist gelöst. Wohl niemand wird beklagen, dass der zum Reden aufgeforderte, sich über die anderen erhebt.
Warum sollte man es dann einem Priester übelnehmen, wenn die Messe wenige Stufen über den Gläubigen zelebriert wird und damit alle durch direkten Blickkontakt teilhaben können. 
Bei einer Bischofskirche ist, der Größe wegen, eine leicht erhobene Altarinsel im Interesse der Gottesdienstbesucher vorteilhaft. Sichtverhältnisse könnten auch durch arenaartiges Anheben der Platzreihen, die den Altar umgeben, verbessert werden, doch das wäre aufwendig, kompliziert zu nutzen und nicht immer barrierefrei. Die vorhandene Altarinsel in der Kathedrale hat ein Problem bereits gelöst, das nach dem Wettbewerb wieder akut wird.

An dieser menschlich praktischen Frage müsste sich kein theologischer Diskurs entzünden.
Im kleinen Kreis ist es natürlich schön, die Gemeinschaft dadurch verstärkt zu erleben, dass sich alle auf gleicher Augenhöhe begegnen und die Verbundenheit intensiv spüren.
Doch die Kathedrale ist nicht so klein, Gott sei Dank.

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